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Von Freddy bis Heino
Warum braucht ein Stadtteil eine Heimatstube

Von Dr. Joachim Ziegler (aus "Der Ober-Erlenbacher" April 2000)

Die "Heimatstube Ober-Erlenbach e.V." ist zwar einer der jüngsten Vereine des Stadtteils, aber auch einer der rührigsten. Er gab am 12. September des vergangenen Jahres eine eindrucksvolle Vorstellung seiner Leistungsfähigkeit, als er in der Alten Schule einen Tag der offenen Tür veranstaltete.

Schon in den vergangenen Jahren hat er sich an vielen Veranstaltungen beteiligt, sei es beim Stadtteilfest, sei es beim Umzug anlässlich des Jubiläums der Feuerwehr oder sonstigen Begebenheiten. Er ergänzte sein Programm durch Vorträge, Gesprächsrunden und Vorführungen von selbstgedrehten Filmen.

Dazu kamen verschiedene Veröffentlichungen sowie ein Wandkalender für das Jahr 1999 mit Bildern aus dem alten Ober-Erlenbach. Langfristiger geplant ist die Realisierung des eigentlichen Vereinsziels, die Einrichtung einer Heimatstube in den Räumen der Alten Schule. Der Tag der offenen Tür hat gezeigt, dass dies kein Problem wäre, wenn die Stadt sich endlich entschließen könnte, dem Verein die Räumlichkeiten dafür zur Verfügung zu stellen.

Es mag Leute geben, die einen Heimatverein belächeln oder ihn gar für völlig überflüssig halten, weil sie meinen, dass die Medien ihnen genügend Möglichkeiten bieten, ihre persönlichen Bedürfnisse nach Heimatverbundenheit zu befriedigen. Wenn man allerdings das Medienangebot gründlich prüft, kommt man sehr schnell zu der Überzeugung, dass dies ein Irrtum ist.

Zwar begann schon bald nach dem Krieg die große Zeit der Heimatfilme, -romane und -lieder, und dieser Trend hat bis heute angehalten. Von Freddy über Heino bis zu den Wildecker Herzbuben wird die Heimat besungen. Filme, die, wie der Genre-Klassiker "Der Förster vom Silberwald", in einer nicht näher lokalisierbaren Berglandschaft spielen, Lore-Romane und andere Groschenhefte verklären das, was sie den Lesern als Heimat anbieten wollen, bis zur Utopie.

Das, was sie präsentieren, ist Heimat "von der Stange", künstlich gefertigt, eine pure Illusion auf Zeit, die zuende ist, wenn man das Kino verlässt, das Fernsehen abschaltet oder das Romanheft aus der Hand legt. Vor allem im Fernsehen ist Heimat ein bloßes Phantom. Sie besteht aus Pappmaschee und Styropor und hat ihren Ort im Regelfalle in irgendeinem Studio. Wenn die Sendung beendet ist, wird sie einfach wieder abgeräumt. Was hier vorgeführt wird, ist eine Traumwelt, die an die Gefühle appelliert und den Verstand draußen vor lässt.

Selbst Heimatabende oder Trachtenveranstaltungen am Urlaubsort bieten nur eine Scheinwirklichkeit; denn den Zuschauern wird hier nicht ihre eigene Heimat vermittelt, sondern - wenn sie Glück haben - die der Darsteller. Selbst Trachten, die von diesen getragen werden, entspringen gelegentlich der Phantasie und lassen bei genauerem Hinsehen kaum einen Bezug zu lokalen Traditionen erkennen.

Heimat sollte eigentlich etwas sein, das dem Einzelnen in unserer schnelllebigen und unbeständigen Zeit einen sicheren, wohlbekannten und abgrenzbaren Standort bietet. Man bekommt sie allerdings nicht auf dem Tablett serviert, sondern muss sie sich erst erwerben. Dazu gehört auch, dass man sich mit ihrer Vergangenheit vertraut macht. Diesen Anspruch kann das Medienangebot in keiner Weise ersetzen. Es fördert im Gegenteil Passivität und Konsumhaltung und füllt damit diese Lücke nicht, sondern reißt sie eher noch weiter auf.

Deshalb ist es eine der vordringlieben Aufgaben unseres Vereins, durch klare Abgrenzung zu zeigen, wo Heimat in den von den Medien vorgestellten Versionen nur vermarktet und dabei bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird. Der Bezug zur Heimat, den die "Heimatstube Ober-Erlenbach e.V." kontrastierend vermitteln kann, dürfte dagegen demjenigen entgegen kommen, der sich unserem Stadtteil nicht primär mit dem Bauch, sondern mit dem Kopf nähern will.

Dazu können die Vereinsmitglieder Funde, Denkmäler und literarische Quellen des näheren Umfeldes auswählen, ordnen und deuten und damit zuverlässige Hilfen zur Füllung der aufgezeigten Lücke bieten. Diese Aufgabe ist keineswegs neu, aber sie ist zeitweise in den Hintergrund gerückt worden. Denn diejenigen, die ihr gerecht werden wollten, gaben früher häufig auf, weil sie glaubten, gegen das übermächtige Medienangebot nicht antreten zu können. Ihr Irrtum lag darin, dass sie Fernsehen, Film und Schlager überhaupt als Konkurrenz betrachteten. Die "Heimatstube Ober-Erlenbach e.V.", die erst seit knapp fünf Jahren besteht, hat dieses Dilemma niemals gekannt. Ihre Mitglieder bemühen sich, vor allem den intellektuellen Bedürfnissen derjenigen Einwohner des Stadtteils entgegenzukommen, die den Ort nicht nur zum Schlafen benutzten, sondern sich auch mit ihm und seiner Vergangenheit identifizieren wollen.